deutsch | english | italiano | nederlands

Zwischen Schnee-Fischen im Hudson River

und gebügelten Eistischen

Wenige Tage vor der Eröffnung des Alpeniglu-Dorfs in Hochbrixen wird unter den weißen Kuppeln geschnitzt, gesägt – und tatsächlich gebügelt. Ein Blick über die Schultern der Iglubauer und Eisschnitzer lässt von der Faszination des Iglu-Dorfes ahnen.

„Wir haben gestern die Eisblöcke aufgestellt, heute früh um neun habe ich angefangen. Aber ich habe keine blasse Ahnung wie spät es jetzt ist; man verliert hier drin das Zeitgefühl‘“. Stefan Schnetz fährt mit seinen Arbeitshandschuhen über das Faltenkleid seiner eisigen Freiheitsstatue. Es ist das Wochenende des vierten Advents.  Stefan ist umgeben von dicken Schneewänden, er steht im Gang zwischen dem großen Eingangs-Iglu mit der ERISTOFF-Eisbar und dem ersten kleinen Iglu. Der Nürnberger hat Kunst studiert,  ist gelernter Bildhauer und schnitzt in diesen Tagen seine Eisskulptur im Alpeniglu-Dorf, direkt an der Bergstation der Gondelbahn von Hochbrixen.

An Sylvester werden die ersten Gäste im Iglu-Dorf übernachten, die große Eröff-nungsparty steigt am 5. Januar, die Schneebar vor dem großen Eisbar Iglu soll schon am ersten Weihnachtsfeiertag die Skifahrer und Schneetouristen mit Heißem und Kaltem versorgen. Im Moment kann man sich das kaum vorstellen, denn noch verschiebt die Pistenraupe Schneeberge rund um die Iglus, im Inneren jenes Eisbar Iglus riecht man Motorenöl, es klingt nach Baustelle: da sind Motorsägen im Einsatz, Kabelgänge werden in den Schnee geschlitzt, mit dem Spaten werden Sitznischen in die 1,5 Meter dicke Igluwand gestochen. Matze ist zuversichtlich: „Wir sind dieses Jahr sehr gut in der Zeit, das Wetter ist perfekt, das erste Iglu stand schon am 5. De-zember“. Aktuell ist Nummer dreizehn im Bau, am Ende sollen es 18 sein, in sieben davon werden Rentierfelle und Schlafsäcke auf Übernachtungsgäste warten. Der 24jährige aus dem Baden-Württembergischen Pforzheim ist der Chef vor Ort, wenn Alpeniglu-Betreiber Benno Reitbauer nicht am Berg ist. Der gelernte Zimmermann baut das Dorf aus Eis und Schnee mit seinem 12-Mann-Team zum zweiten Mal auf, sechs Tage in der Woche, in zwei Schichten am Tag. Schluss ist nie vor 19 Uhr - da hat die Gondel ihren Betrieb längst schon eingestellt. Wie die jungen Männer dann ins Tal kommen? „Mit Skiern und Stirnlampe natürlich“, lacht Matze. „Wir haben unsern Spaß“.

Auch Stefan Schnetz war bis nach Einbruch der Dunkelheit dort oben auf 1300 Metern Höhe; er hat seine über zwei Meter große Eisskulptur bis zum Hals schon bear-beitet, am nächsten Tag werden das berühmte Gesicht und die markante Krone keinen Zweifel daran lassen, dass der 45jährige die amerikanische Freiheitsstatue in Eis gemeißelt hat. An den Wänden hat er Fische in den Schnee geschnitzt, oben drüber erste Hochhäuser angezeichnet, „das muss über Nacht noch durchfrieren“, sagt er; morgen wird er die Skyline von New York dann im Detail bearbeiten.  Mit dem Thema „Kontinente – einmal um die Welt im Alpeniglu Dorf“, war die Ausschrei-bung für die Ausstellung „Ice Land 2010/2011“ betitelt; über 150 Künstler hatten sich mit ihren Skizzen beworben, neun wurden schließlich ausgewählt.


Der Bregenzer Rudolf Rössel ist einer von ihnen, auch er ist vor Weihnachten am Berg in Brixen und er ist obendrein der erste, der sein Thema, „Asien“, fertig umgesetzt hat: „Es ist das erste Mal, dass ich Eisschnitze und es ist superleicht; es ist wie Butter. Ich hätte nie erwartet, dass es so einfach geht. Es ist irre, ich bin ganz begeistert vom Material“, so das Fazit des gelernten Holz- und Steinbildhauers nach gut zehn Stunden Arbeit. Das Ergebnis kann sich sehen lassen – die vereinzelten Skifahrer, deren Neugier sie, trotz Absperrung, bis in sein Iglu geführt hat, staunen über die schöne Geisha aus klarem Eis und den Tempel im Schnee. Über die Bedeutung der chinesischen Schriftzeichen an einer Igluwand lässt der 45jährige sie aber schmunzelnd im Dunkeln.
Zwischendurch kommt Matze vorbei, fühlt der Geisha die Stirn: „Sie ist feucht, aber es geht noch“. Er steckt ein Thermometer in die Igluwand, es sollte unter Null Grad bleiben, sonst besteht Gefahr, dass die Oberfläche der Skulpturen zu schwitzen beginnt und die Konturen verwischen. An manchen Stellen sind allerdings Lampen zum Arbeiten nötig, die geben Wärme ab; da müssen dann Ventilatoren bei der Temperaturregulierung helfen.

Bei Jiri Kaspar nebenan haben die Lampen keinen zu großen Einfluss auf seine Arbeit, denn die spielt sich fast ausschließlich im Schnee der Iglu-Wände und der Iglu-Decke ab. Der 33jährige Tscheche arbeitet schon drei Tage an seinen afrikanischen Tieren, für die große Giraffe an der Decke steht er lange auf der Leiter. Er hat eine umfangreiche Ausrüstung zur Bearbeitung seiner Kunstwerke dabei – Dinge, die so ähnlich aussehen wir Spachteln, Schnitzeisen an langen und kurzen Stangen, schmale, spitze, breite; auch seine eigene Säge. Juri ist Profi. Weltweit nimmt er an Wettbewerben und Ausstellungen teil, im Winter arbeitet er mit Schnee und Eis, im Sommer mit Sand. Zu Hause in Tschechien verdient er sein Geld als Bildhauer und Restaurator. Das hier, das mache einfach nur Spaß, sagt er auf Englisch, der Schnee sei gut. Aber Kunst? Nein, richtige Kunst sei das nicht, sagt Jiri und lächelt. Vielleicht weil er schon oft genug erlebt hat, wie die weiße und eisige Pracht eher früher als später dahinschmelzen wird. Im Alpeniglu-Dorf sollen Iglus und Eisschnitzereien bis Ende März den Temperaturen trotzen.

Bevor der große, U-förmige Eis-Tisch im Iglu-Restaurant als Kunstwerk bezeichnet werden kann, ist für Matze und sein Team erst einmal harte Arbeit angesagt: vor dem Iglu werden die 100x50x25cm großen Eisblöcke zunächst mit der Motorsäge in eine grobe Form gebracht. Vor Ort im Iglu stehen dann die Kollegen mit Maßband und Wasserwaage parat und „kleben“ die Blöcke zusammen, feuchter Schnee hilft dabei. Und wer von den jungen Männer bislang noch nicht mit einem Bügeleisen in Berührung kam, der bekommt jetzt die Chance: vorsichtig muss das heiße Eisen geführt werden, es gleitet über die Eisblöcke, trägt die verkratzte, oberste Schicht ab und glättet Unebenheiten. Denn dass die 160 Eisblöcke, jeder davon wiegt etwa 130 Kilogramm, nicht mehr in exakt dem Zustand sind, wie vor vier Wochen als sie die ALPENIGLU-Eisproduktion in Deizisau (nähe Stuttgart) verlassen haben, das kann man sich vorstellen. Benno Reitbauer ist aber dennoch heilfroh, dass alle Blöcke ohne Bruch in Hochbrixen ankamen – die letzte Etappe, vom Tal bis auf den Berg, wurde übrigens mit Hilfe von Sepp vom Berggasthof Nieding und seinem Traktor bewältigt, fünf Mal fuhr er die verschneite Serpentinenstraße hoch und runter.

Auch Stefan Schnetz hat für sein New York-Szenario noch einen Eisblock bestellt. Er wird in der Mitte zerteilt, dann mit der Motorsäge in drei schmale Streifen geschnitten. Nun kniet er mit dem Elektriker des Iglu-Dorfes am Boden im Schnee. Zuvor hat-ten die beiden einen schmalen Kanal in der Wand freigelegt; dort liegen jetzt zwei Neonröhren mit blauem Licht. Die drei Eisplatten verschließen den Kanal; noch ein-mal „glattgebügelt“, dann strahlt das Licht auf die gegenüberliegende Wand und die Fische dürfen nun endlich im Hudson-River schwimmen. Stefan wird bis zum Abend des vierten Advents mit der Skyline fertig sein. Noch einmal eine Talabfahrt mit Stirnlampe. „Es ist einfach schön, hier draußen am Berg zu arbeiten. Das ist schon was Besonderes, was man sonst nicht macht“.
Am Montagnachmittag erwarten den Hochschuldozenten dann wieder die Studenten der Uni Erlangen-Nürnberg.

In den nächsten zehn Tagen werden die noch verbleibenden sechs Künstler-Kollegen und –Kolleginnen im Alpeniglu-Dorf eintreffen. Europa, Australien und Südamerika gilt es noch in Schnee und Eis zu bannen. Auch das Restaurant, die Eisbar und die kleine Kirche werden bis zum Jahresende ihr aktuelles Aussehen grundle-gend verändert haben. Der Steinmetz Klaus Grunenberg aus der Nähe von Augsburg wird es übrigens sein, der ein drittes Mal „seine“ Kirche gestalten darf. Er legte auch im Jahr 2008 dort Hand an – und sie gefiel ihm selbst so gut, dass er doch tatsächlich seiner Frau vor dem Eis-Altar das Ja-Wort gab – aller Vergänglichkeit zum Trotz.

Unter www.alpeniglu.com sehen sie mehr von den aktuellen Arbeiten im Iglu-Dorf und den ersten Skulpturen der Eisschnitzer.  
Die fertige Ausstellung ICE LAND ist dann von Ende Dezember 2010 bis Ende März 2011 täglich von 11:00 Uhr bis 16:00 Uhr geöffnet.
Die Führungen erfolgen mehrsprachig und sind auch ohne Voranmeldungen möglich.